Jahrmarkt der Eitelkeit
Cannes 1997

Es sollten die glanzvollsten werden, die die Cote d'Azur jemals sah, stattdessen waren sie verregnet und filmschwach die 50. Internationalen Filmfestspiele in Cannes. Aber vielleicht steckte ja sogar ein wenig Kalkül der Festivalmacher hinter dem lauen Wettbewerbsprogramm. Vielleicht sollten im Jubiläumsjahr gar nicht so sehr die Filme im Mittelpunkt stehen, sondern vielmehr die Stars. Und die defilierten diesmal wirklich sonder Zahl über die berühmten 24 Stufen des Festivalpalais. Bruce Willis und Demi Moore, Kevin Kline, Sigourney Weaver, Charlton Heston, Johnny Depp, Sean Penn, Kenneth Branagh, Wim Wenders, die Liste ließe sich beliebig lang fortsetzen.

Jean Moreau führte durch die Jubiläumsgala, an der fast zwei Dutzend der wichtigsten europäischen Regisseure teilnahmen, um den abwesenden Ingmar Bergmann mit einer "Palme der Palmen" zu ehren. Aber selbst unter den anwesenden Stars waren etliche, die gar nicht vom Kino kommen, Michael Jackson etwa, aber auch Claudia Schiffer oder die Spice Girls. Wie alle anderen dienten auch sie bloß als glamuröser Aufputz für das ganz große Geschäft, das sich stets im Keller des Palais und in den Suiten der Luxushotels an der Croisette abspielt. Dort wird vom Actionreißer bis zum Softporno alles gehandelt, was in den nächsten Monaten über Leinwand oder Bildschirme flimmern soll.

Österreich war in der 50jährigen Geschichte des Festivals bisher zehn Mal im Wettbewerb vertreten, unter anderem mit zwei der legendären Sissi-Erfolge mit Romy Schneider. Der diesjährige Österreich-Beitrag, der erste nach 35 Jahren, war ein Gewaltstück des TV-Routiniers Michael Haneke. Seinen vierten Kinofilm "Funny Games" fanden die Kritiker gar nicht lustig. Er blieb ob seiner kalkulierten Gefühlskälte ein höchst umstrittener Beitrag und ging im Preisregen prompt leer aus. Nur mit Nebenpreisen bedacht wurden die Festivalfavoriten Ang Lee für "The Ice Storm" und Atom Egoyans "The Sweet Hereafter". Nachhaltig beeindruckt zeigte sich die Jury hingegen von zwei Filmexoten: Die Goldene Palme 1997 ging ex equo an den japanischen Beitrag "Unagi" (Der Aaal) von Shoehi Imamura und an den iranischen Film "The Delicious Taste Of Cherries" von Abas Kiarostiami.

S.Pyrker, 20.05.1997


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